Samstag, 19. Oktober 2013, 11.35 Uhr

«Wir müssen an uns glauben»

Bericht von Peter Weiss im Zürcher Unterländer vom 18. Oktober 2013

Züri Unterlands Männer gehen unter neuer sportlicher Leitung in ihre dritte NLA- Saison. Der kubanisch-argentinische Doppelbürger Gilman Angel Cao Herrera führt das Team als Spielertrainer. Der Passeur traut seinen Mitspielern einiges zu.

Züri Unterlands neuer Spielertrainer Gilman Angel Cao Herrera möchte sein Team in die NLA-Finalrunde führen. Bild: Madeleine Schoder

Der 41-jährige Gilman Angel Cao Herrera hat schon einiges gesehen in seinem Leben als Volleyball-Profi. In Kuba geboren und aufgewachsen, gewann der 2-Meter-Hüne an der WM 1998 die Bronzemedaille mit dem Nationalteam seines Landes. 2000 verliess er den Inselstaat, wurde Profi und Nationalspieler in Argentinien. Nach zwei Stationen in Argentinien kam er 2003 zum ersten Mal in die Schweiz, wo er mit Näfels zweimal Landesmeister und einmal Cupsieger wurde. Vom NLA-Spitzenteam Amriswil wechselt der Spielmacher nun zum Vorjahres-Letzten Züri Unterland und bringt die Klotener Brüder Adrian und Florian Heidrich aus dem Oberthurgau mit, zurück zu ihrem Stammverein. Auf sie und ihre Mitspieler hält er grosse Stücke. Als Passeur und Coach möchte er sie in die Finalrunde der besten sechs Mannschaften führen. Im Interview in einem Bülacher Café strahlt der Baum von einem Mann Ruhe und Zuversicht aus.

Gilman Angel Cao Herrera, warum haben Sie als weitgereister Profi einen Vertrag mit einem Amateurverein wie Züri Unterland unterschrieben?
Gilman angel cao herrera: Das ist eine gute Frage. Tatsächlich habe ich letztes Jahr in Amriswil gespielt, in einem Verein mit einer guten und professionellen Struktur. Ich habe mich dort wohlgefühlt. Aber ich habe auch gespürt, dass ich eine neue persönliche Herausforderung brauche, auf beruflichem Niveau. Als wir dann mit Amriswil in der Klotener Ruebisbachhalle zum Meisterschaftsspiel angetreten sind, habe ich sofort diese Energie, diese positive Stimmung in einem gleichzeitig sehr familiären Ambiente gespürt. Danach habe ich mich bei Florian Heidrich, der ja in Amriswil mein Mitspieler war, über den Verein erkundigt.

Es war also Liebe auf den ersten Blick?
Ja, manchmal gibt es das im Leben ja. Man betritt einen Ort und fühlt sich dort vom ersten Moment an wohl. Genauso war mein erster Eindruck hier. Und der hat sich in den Gesprächen mit Vasi Koutsogiannakis, dem Präsidenten, und Bruno Miotto, dem Sportchef, bestätigt. Ich habe deutlich herausgehört, dass sie den Verein voranbringen, den nächsten Schritt schaffen wollen. Und ich denke, es ist hier zwar schwierig, aber nicht unmöglich, mehr zu erreichen. Gute Gründe, die dafür gesprochen haben, meine Trainerkarriere genau hier zu lancieren.

Sie haben in der höchsten spanischen Liga unter anderem für Numancia Soria und Teruel gespielt, zwei absolute Traditionsvereine in Volleyball-Hochburgen. Gibt es da irgendwelche Gemeinsamkeiten mit Züri Unterland?
Natürlich gibt es grosse Unterschiede, nur schon, was das Zuschauerinteresse angeht. Teruel ist ein kleines Dorf, dort gibt es weit und breit nichts anderes als Volleyball (lacht). Darum kommen dort auch 2500 Zuschauer in die Halle, während Züri Unterland in Kloten ja nicht nur die Flyers als grossen Konkurrenten hat, sondern auch noch den Unihockeyverein, den Handball-, Fussballklub und, und, und ... Aber ich habe mich von all meinen Profi-Stationen in Teruel deswegen am besten gefühlt, weil es dort sehr persönlich und familiär zu und her geht, trotz allem Profibetrieb. Der Präsident hatte eine enge Beziehung zu uns Spielern, und das ist hier ähnlich. Vasi Koutsogiannakis und die Vorstandskollegen sind sehr nahe am Team, sie haben mich auch zum Beachvolleyball-Camp in die Türkei mitgenommen, wo ich alle gut kennengelernt habe. Ich denke, nur so kann man als kleiner Klub etwas erreichen, aus wenig viel herausholen.

Sie kommen aus einem Profibetrieb und müssen nun am Abend Spieler trainieren, die tagsüber studieren oder arbeiten und davon womöglich auch müde sind. Fällt es Ihnen nicht schwer, sich daran zu gewöhnen?
Das macht mir nichts aus, im Gegenteil: Ich sehe es als doppelte Herausforderung an, die Spieler unter diesen Umständen weiterzubringen. Als ihr Trainer muss ich mir so noch mehr Gedanken darüber machen, wie wir die Trainingszeit optimal nutzen können. Und ich schätze es umso mehr, welche Opfer sie erbringen. Wenn jemand arbeitet oder studiert und jeden Abend trainiert, zeigt das, wie motiviert er ist, unseren wunderbaren Sport auf Spitzenniveau auszuüben.

Sie sind in Kuba aufgewachsen und haben grosse Erfolge mit der Nationalmannschaft Ihres Landes gefeiert, später aber auch das Trikot der argentinischen Auswahl getragen. Wie kam es dazu?
Im Volleyball sind die Regeln dafür nicht so streng. Man darf für mehrere Länder A-Nationalspiele bestreiten, natürlich nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Nachdem ich nach Argentinien ausgewandert bin, wollte der dortige Verband mich zum Nationalspieler machen. Darum habe ich die argentinische Staatsbürgerschaft problemlos und bald bekommen, die kubanische konnte ich behalten.

Auf welche Art und Weise haben Sie Kuba verlassen: Sind Sie wie so manch andere Sportler von der Insel während einer Auslandreise aus dem Hotel der Delegation abgehauen?
(Lacht). Nein, nein, das muss eine Legende sein. Das stellen die Leute sich immer so vor, dass man als Kubaner aus dem Hotelzimmer fliehen muss. Nein, bei mir war das ganz einfach: Ich hatte mich in eine Argentinierin verliebt, die später meine Ehefrau wurde und die Mutter meines ersten Sohnes. Weil ich mit ihr zusammenleben wollte, habe ich in Kuba eine Bewilligung auf Niederlassung im Ausland beantragt und sie nach einem halben Jahr Wartezeit bekommen. Das war alles ganz legal, sodass ich auch immer ohne Schwierigkeiten nach Kuba reisen kann, um meine Familie zu besuchen.

In einem Porträt-Artikel über Sie ist zu lesen, Ihre zweite grosse Leidenschaft neben dem Volleyball sei das Salsa-Tanzen. Sieht man Sie als 2-Meter-Mann mit breitem Kreuz und langen Armen regelmässig über die Tanzflächen der Zürcher Salsa-Clubs wirbeln?
(Lacht). Tanzen kann ich auf jeden Fall, das haben wir Kubaner im Blut. Aber ich gehe hier nicht in den Ausgang. Nächtelange Partys, Spitzensport und Arbeit passen nicht zusammen. Ich liebe einfach diese Musik.

Zurück zum Volleyball. Was wollen Sie mit Züri Unterland erreichen?
Mit dieser Mannschaft ist der Einzug in die Finalrunde das Minimalziel. Wenn ich sehe, wie sich die einzelnen Spieler, aber auch die ganze Gruppe entwickelt haben, seit wir zusammen trainieren, stimmt mich das sehr zuversichtlich.

Aber die Volleyball-NLA der Männer war in den letzten Jahren eine Zweiklassengesellschaft. Der Unterschied zwischen den hinteren vier der Tabelle, zu denen Züri Unterland nach dem Aufstieg immer gehört hat, und den besten sechs Teams, die zum Grossteil unter Profibedingungen arbeiten, ist doch enorm.
Ja, aber unsere Mannschaft ist ja jetzt auch viel besser besetzt als letztes Jahr. Ich denke, dass Lugano, Näfels und Amriswil schon sehr stark sind – aber danach ist in dieser Saison alles möglich. Und selbst wenn wir gegen Lugano spielen, können wir gewinnen. Es spielen immer nur sieben gegen sieben, und auch in Lugano gibt es keine Überspieler. Nur: Wir müssen an uns glauben, an unsere Chance, unsere Stärke. Wenn wir das tun, werden die Gegner grosse Probleme mit uns bekommen.

Haben Sie daran gearbeitet, diese Sieger- Mentalität zu vermitteln?
Nicht mit mentalem Training oder so. Vielmehr muss man als Trainer den Glauben und diese Zuversicht ausstrahlen, das Vertrauen, dass es gut kommt und man einen Plan hat. Und Erfolgserlebnisse helfen natürlich auch. Vor kurzem haben wir ein Vorbereitungsspiel gegen Näfels 3:2 gewonnen. Das gibt den Spielern jetzt die Gewissheit, dass sie selbst solch einen Gegner schlagen können.

Dann sind Sie mit dem Verlauf der Vorbereitung zufrieden.
Wir haben an den physischen Grundlagen gearbeitet, am Zusammenspiel, den Automatismen. Ich bin wirklich sehr zufrieden mit den Fortschritten der Spieler im physischen und taktischen Bereich – aber noch mehr mit ihrer Arbeitshaltung. Sie sind wissbegierig und ziehen unheimlich motiviert mit – ich hoffe, das bleibt die nächsten acht Monate so.

Gibt es denn gar keine Probleme?
Leider hat David Lehner sich im Trainingslager in Davos an Knie und Zehen verletzt, wie lange er ausfällt, weiss man im Moment noch nicht. Davor war Fabian Bigger länger verletzt, er konnte aber diese Woche wieder mittrainieren und sollte zumindest für Teileinsätze am Sonntag schon bereit sein. Ausserdem ist die kurzfristige Abreise von Rhonney Ferramenta, der aus familiären Gründen in sein Heimatland Brasilien zurück musste, auch sehr schade. Menschlich hat er eine wohltuend lockere Art und Begeisterung ins Team gebracht, und in der Annahme wäre er dank seiner Technik eine grosse Stütze. Ich kann nur hoffen, dass er zurückkommt, weiss aber nichts Genaueres.

Ausserdem haben Sie keinen Co-Trainer mehr. Haben Sie und der ehemalige Trainer und Präsident Ernst Rüdisüli, der für diese Position und für jene als Teammanager vorgesehen war, sich getrennt?
Ja. Ich kann nicht genau sagen, was in unseren Gesprächen falsch gelaufen ist. Aber es hat sich herausgestellt, dass wir doch zu unterschiedliche Meinungen vom Volleyball haben. So kann man aber nicht zusammen ein Team führen. Ernst Rüdisüli hat dann den Entscheid gefällt, zu gehen. Das respektiere ich.

Nun stehen Sie als alleiniger Trainer da und spielen auch selbst mit. Ihrem Vorgänger, Karim Takouk, hat man zum Vorwurf gemacht, er habe keine Hilfe annehmen wollen. Haben Sie keine Bedenken, dass es Ihnen ähnlich ergehen könnte?
Jeder, der mich unterstützt und in dieselbe Richtung zieht wie ich und die Klubführung, ist willkommen. Die Suche nach einem Co-Trainer ist für mich wichtig, aber nicht prioritär. Nach über 20 Jahren als Profi und dank meines Studiums kann ich das Team auch allein führen. Ausserdem ist die Mannschaft jetzt auch viel stärker als letztes Jahr, das kann man gar nicht vergleichen.

Zur Person Gilman Angel Cao Herrera
Beruf: Volleyball-Profi und Trainer, diplomierter Sportlehrer
Wohnort: Glattfelden
Familienstand: Verheiratet, drei Kinder
Sportliche Laufbahn: 2000 bis 2002: Universität Buenos Aires. 2002 bis 2004: Näfels. 2003 bis 2009: Universität von Cochabamba und UPb. 2004 bis 2005: Conarpesa Caleta Olivia (Arg). 2005 bis 2007: Soria (Sp). 2007 bis 2008: Teruel (Sp), 2008 bis 2009: Zaragoza (Sp). 2009 bis 2011: Palma de Mallorca (Sp/Spielertrainer), 2011 bis 2013 Amriswil.
Grösste Erfolge: Gewinn der Bronzemedaille an der WM 1998 in Japan und Gewinn der World League 1999 mit der kubanischen Nationalmannschaft, zweimal Schweizer Meister, zweimal Cup- und einmal Supercupsieger, siebenfacher bolivianischer Meister.

Doppelter Auftakt am Ruebisbach

Züri Unterlands Männer starten mit ihrem neuen Spielertrainer Cao Herrera und mehreren Neuzuzügen am Sonntag, 20. Oktober 2013 um 13.30 Uhr mit dem Heimspiel in der Klotener Ruebisbachhalle gegen den Aufsteiger Einsiedeln in ihre dritte Saison in der Volleyball-NLA. Zwei Stunden später, um 15.30 Uhr, eröffnet dort auch Züri Unterlands Frauen-Fanionteam die neue Spielzeit. Die Equipe des Trainerduos Vasi Koutsogiannakis und Andreas Maurer trifft als Aufsteiger in der NLB auf Lugano. Nicht mit von der Partie sein wird Angreiferin Marlen Brunner, deren rechte Aussenbänder und Achillessehne gerissen sind, und die noch rund vier Wochen ausfällt.

Männer NLA Kader Züri Unterland
Pass: Gilman Angel Cao Herrera (Alter: 41 Jahre / Grösse: 1,98 Meter / neu von Amriswil), Loris de Notaristefano (23/1,82). Aussen-/Diagonalangriff: Georgiy Nasibullin (24/1,80/Ukraine), Manuel Gahr (21/1,88), David Lehner (26/1,86), Adrian Heidrich (19/2,07/Amriswil), Miroslav Tomasik (29/2,00/ Einsiedeln), Valentino Rohr (17/1,80/eigener Nachwuchs). Mittelblock/-angriff: Jonas Bolli (24/1,92), Fabian Bigger (25/1,95), Florian Heidrich (23/1,95/ Amriswil). libero: Damian Flück (22/1,70), Nicolas Keller (20). Trainer: Gilman Angel Cao Herrera (41/ neu). Abgänge: Max von Deichmann (Studium in München), Fabio Lunardi (Smash Winterthur), Thomas Schatzmann (Weltreise), Ralph Stamm (Smash Winterthur), David Sturzenegger (Volero Zürich).

Sponsoren