Donnerstag, 24. August 2017, 08.35 Uhr

Im Grossen und Ganzen sehr wohlgeraten

Hansruedi Eichenberger (links) und Max Werner, die Klubgründer von einst, vereint am heutigen Mittelpunkt des Unterländer Volleyballs, der Klotener Sporthalle Ruebisbach. Bild: Francisco Carrascosa, ZU

Interview von Peter Weiss im Zürcher Unterländer vom Donnerstag, 24. August 2017

Am 15. Mai 1977 gründeten eine Handvoll Volleyball-begeisterter Jugendlicher und zwei ihrer Lehrer im Säli des Restaurants Frohsinn den VC Kloten. Hans­ruedi Eichen­berger, der Sportlehrer an der Sekundarschule Nägeli­moos, der in den Schulsport-Kursen das Volleyball-Fieber in der Flug­hafenstadt entfacht hatte, überliess das Gründungspräsidium zwar dem noch heute aktiven Klubmitglied Andreas Enz, ­wirkte jedoch im Vorstand entscheidend daran mit, dass der Verein rasant wuchs. Sieben ­Jahre später zählte der VC Kloten bereits neun Teams, die in der Meisterschaft aktiv waren.

Runde neun Kilometer nördlich, in Bülach, erfolgte die Gründung des VBC Kanti Bülach über ein Jahr später: am 15. September 1978. Doch ein erstes Juniorenteam aus dem Schulsport der Kantonsschule Zürcher Unterland hatte bereits die Saison 1976/77 in der offiziellen Meisterschaft bestritten, wie Gründungspräsident Max Werner in seinem Beitrag zur Jubiläums-Ausgabe des Klubmagazins «Fisch» betont. Ein Grund mehr, gemeinsam Jubiläum zu feiern – zumal Kloten und Bülach punkto Volleyball mittlerweile eng zusammenspannen. 2004 fusionierten beide Klubs zu jenem VBC Züri Unterland, der seither nicht nur sportlich neue Höhen erklommen hat, sondern auch zum mit 450 Mitgliedern mittlerweile grössten Volleyballklub der Schweiz angewachsen ist. Im Gespräch am sportlichen Zentrum des Klubs, der Klotener Sporthalle Ruebisbach, lassen Hans­ruedi Eichen­berger und Max Werner 40 Jahre Volleyball im Zürcher Unter­land Revue passieren.

Hansruedi Eichenberger und Max Werner, Sie beide gelten als die Gründerväter des Unterländer Volleyballs. Um beim Bild zu bleiben: Ihr Kind feiert heuer den 40. Geburtstag. Wie stolz sind Sie auf seine Entwicklung?

Hansruedi Eichenberger: Das Kind ist im Grossen und Ganzen sehr wohlgeraten. Dass es nach 40 Jahren nicht nur noch immer lebt, sondern auch so gross geworden ist, ist doch erfreulich. Allerdings ist durch diese Grösse auch der Zusammenhalt im Gesamtverein etwas verloren gegangen. Einzelne Trainingsgruppen wie etwa die Beachvolleyballerinnen und Beachvolleyballer in der Beach-­Town oder die einzelnen Hallen-Mannschaften haben es sicherlich untereinander immer noch sehr gut. Aber das Zusammengehörigkeitsgefühl in einem so grossen Klub, wie der VBC Züri Unterland es heute ist, kann natür­lich nicht mehr gleich sein wie damals im VC Kloten.

Max Werner: Das sehe ich ganz ähnlich. Mit dem Unterschied, dass es den Klub, den ich damals mitgegründet habe, nicht mehr gibt. Ich trauere dem VBC Kanti Bülach aber nicht nach. Denn für die Entwicklung des Volleyballs im Zürcher Unterland insgesamt war der Fusionsentscheid auf jeden Fall richtig.

Auf dem Weg zur Gründung der beiden Klubs gibt es erstaun­liche Parallelen. Sie sind beide Lehrer und haben gemein­sam mit Volleyball-begeisterten Schülern, die bei Ihnen im Schulsport den Sport erlernt hatten und hoch motiviert waren, offizielle Wettkämpfe zu spielen, im Abstand von nur einem Jahr einen Klub gegründet. Wie aber sind Sie persönlich vom Volleyball-Virus infiziert worden?

Werner: Es gibt noch eine wei­tere Gemeinsamkeit: Wir kommen beide ursprünglich aus dem Turnvereinswesen. Ich selbst war Kunstturner, habe aber in meinem Stammverein, dem TV Zürich-Affoltern, schon Volleyball gespielt. Der Sport hat mir damals schon sehr gut gefallen, entscheidend war aber der Einfluss der Ungarn und Tschechen, die nach der Flucht aus ihren Ländern nach Zürich gekommen sind und die Entwicklung des Schweizer Volleyballs wesentlich geprägt haben. Ein Ungar, Istvan Horvath, war mein Gymi-Sportlehrer und Lehrbeauftragter wäh­rend meiner Turnlehrerausbildung an der ETH. Bei ihm habe ich vieles gelernt. Als ich als Sportlehrer an die Kantons­schule Zürcher Unterland berufen worden bin, habe ich Volleyball auch als Schulsport angeboten. Und die Schüler waren davon so begeistert, dass sie einen Klub gründen wollten. Bald darauf ­haben auch die Mädchen den Sport entdeckt. Und mir hat es viel bedeutet, etwas aufzubauen. Ich habe einen gewissen Pioniergeist in mir – ähnlich wie Hansruedi in Kloten.

Eichenberger: Ich komme eigentlich vom Handball her, war vor meiner Klotener Zeit als Handball-Trainer tätig. Die Männer von KV Biel sind damals unter meiner Leitung innert zwei Jahren von der 3. Liga in die 1. Liga aufgestiegen. (schmunzelt) Als Sportlehrer in Kloten habe ich zuerst Handball und Volleyball als Schulsport angeboten. Dabei haben ich und Hans Weis­haupt, der mit mir später gemeinsam den Klub aufgebaut hat, schnell festgestellt, dass Handball bei den Schülern nie so richtig Anklang­ findet. Handkehrum ­waren sie aber vom Volleyball sehr begeistert. Und was für mich als Trainer sehr schön zu erleben war: Das Spiel beinhaltet so viele technische Finessen und tak­tische Varianten, dass man mit gutem Coaching unheimlich viel herausholen kann.

Werner: Diese methodisch- didak­tische Komponente hat auch für mich persönlich den Reiz ausgemacht. Ich war in Bülach übrigens auch nicht alleine aktiv, sondern hatte mit Othmar Grossmann auch einen Kollegen, der sich mit mir ideal ergänzt hat.

Wie Sie im «Jubiläums-Fisch» schreiben, hat Kanti Bülach ­damals Massstäbe gesetzt, etwa mit ausgebildeten Trainern für alle Teams, einem Ausbildungskonzept, offiziellen Matchbällen im Training, einheitlichen Tenüs.

Werner: Genau, und zwar bis hin zu den Socken. Dafür sind wir von den Gegnern schräg angeschaut worden. (lacht)

Hansruedi Eichenberger, hat man in Kloten damals neidisch nach Bülach geblickt?

Eichenberger: Nein. Ich habe Kanti damals als überlegen angeschaut. Bülach war sehr professionell aufgestellt. Doch obwohl wir dagegen lange Zeit nur schon grosse Probleme damit hatten, genügend Hallenzeit für die Trainings zu bekommen, und um vieles schwer kämpfen mussten, waren wir nie neidisch auf Kanti ­Bülach. Im Gegenteil: Als die Kanti-Frauen von 1986 an in der NLB gespielt haben, sind viele von uns regelmässig nach Bülach gefahren, um ihre Heimspiele anzuschauen. Das waren ja die besten Matches hier in der Gegend.

Aber in den Derbys sind doch Emotionen aufgekommen, und am Ende der ersten Meisterschafts-Saison wären Klotens Männer in die 3. Liga aufge­stiegen – wenn da nicht Kanti Bülach vor ihnen auf Platz 1 gestan­den wäre.

Eichenberger: Ja. Und ich kann mich noch gut an einen unserer Spieler erinnern, der immer ein flaues Gefühl in der Magen­gegend bekommen hat, wenn er auf dem Weg zum Auswärtsspiel nur schon das Bülacher Ortsschild erblickt hat. (schmunzelt)

Werner: Das hat man ihm auf dem Spielfeld aber nie angemerkt. (lacht) Überhaupt muss ich jetzt einmal etwas sagen, was ich Dir vielleicht noch nie gesagt habe, Hansruedi: Wir hatten immer riesigen Respekt vor Euch Klotenern, weil Ihr viel kämpfe­rischer und aggressiver gespielt habt. Ihr wolltet einfach immer unbedingt gewinnen.

Zumindest ein Vorteil für Kloten.

Werner: Ja, der VC Kloten war in einem sehr positiven Sinn ein Dorfklub mit grosser Leidenschaft. Die Spieler haben sich stark mit Kloten identifiziert und darum alles gegeben. Das hat bei uns immer ein wenig gefehlt. Kanti ist eben stark auf die Kantonsschule beschränkt geblieben.

Trotzdem sind die Bülacher Frauen 1986 in die NLB aufgestiegen und haben auch dort eine gute Rolle gespielt. Hat es Sie denn nie nach ganz oben, in die NLA, gedrängt?

Werner: Nein. Erstens hat uns ­damals das nötige Geld dafür gefehlt­. Zweitens, und das ist der tiefere Grund, wollten wir gar nicht in die NLA. Unser Klub hat auf ehrenamtlicher Arbeit von Funktionären und Trainern ­basiert. Ausländische Profispielerinnen zu verpflichten, hätte dazu einfach nicht gepasst. Und Schweizer Spielerinnen mussten schon immer ihre Ausbildung oder den Beruf mit dem Sport vereinbaren können. Denn vom Volleyball alleine kann auf län­gere Sicht hierzulande niemand leben. Dafür gibt es viel zu wenige hauptamtliche Stellen, beispielsweise als Trainerin.

2004 schliesslich haben Ihre Vereine fusioniert. Sind Sie als Mitgründer des VC Kloten respektive des VBC Kanti Bülach dem Zusammenschluss zum VBC Züri Unterland kritisch gegenübergestanden?

Eichenberger: Nein, ich war klar dafür, auch wenn ich damals schon Bedenken hatte, dass der Zusammenhalt in so einem grossen Klub leiden könnte. Aber ich habe fest daran geglaubt, dass die Fusion uns weiterbringt. Dass sie dem Volleyballsport in unserer Region guttut. Man darf auch nicht vergessen, dass beide Klubs damals Probleme hatten. Bei uns sind etwa die Mitgliederzahlen bei den Frauen um die Jahrtausendwende stark eingebrochen.

Werner: Wir hatten damals zu ­we­nig Junioren, was zum Teil dazu geführt hat, dass sich eigene Talente einem anderen Klub angeschlossen haben. Ich war dar­um auch von Anfang an für die Fusion und habe eine positive Grund­idee mit ihr verbunden: dass wir zusammen stärker sind und unseren Sport besser fördern können.

Und wie fällt Ihr Fazit nach 13 Jahren VBC Züri Unterland aus?

Werner: Heutzutage deutlich positiver als unmittelbar nach der Fusion. (schmunzelt) Damals hat man die Schwierigkeiten deutlich gesehen, die entstehen, wenn ein Klub solch eine Grösse erreicht, aber immer noch amateurhaft geführt wird. Aber bald hat sich vieles sehr erfreulich entwickelt. Gerade dank der Beachvolleyballer, die Züri Unterland als schweizweit erster Verein in einen bestehenden Klub inte­griert hat, hat der Verein so richtig Schub bekommen. Dadurch ist es auch im Hallenvolleyball sportlich steil bergauf gegangen, was schliesslich zum Aufstieg in die NLA geführt hat.

Eichenberger: Für mich waren auch die beiden Nachwuchs-Schweizer-Meisterschaften im Beach­volley­ball und in der Halle, die der Klub organisiert hat, abso­lute Höhepunkte. Dadurch hat sich Züri Unterland auch einen sehr guten Ruf in der ganzen Volleyball-Schweiz erarbeitet.

Hansruedi Eichenberger lebt als pensionierter Sportlehrer mit seiner Ehefrau in Kloten. Der 72-jährige Vater und Grossvater präsidierte den von ihm mitgegründeten VC Kloten von 1981 bis 1983 und gehörte von 1977 bis 1996 dem Vorstand des Vereins an. Im Verein war er zudem lange als Spieler, Spielertrainer und Trainer zahlreicher Teams aktiv. Im Regionalen Volleyballverband Zürich zeichnete er während mehrerer Jahre für den Bereich Mini-Volleyball verantwortlich.

Max Werner lebt als pensionierter Mittelschullehrer für Sport und Biologie mit seiner Ehefrau in Winterthur. Der 67-jährige Vater zweier Söhne, die beide in der Volleyball-NLA aktiv waren, präsidierte den VBC Kanti Bülach vom Gründungsjahr 1978 bis 1991 und trainierte zahlreiche Teams des Vereins. In dieser Zeit drangen das Männer- und das Frauen-Fanionteam im Eiltempo von der 4. Liga bis in die 1. Liga vor. 1986 stiegen die Kanti-Frauen unter ihm als Trainer gar in die NLB auf. Neben seiner Tätigkeit im Verein rief Werner 1982 das Zürcher Schüler-Volleyballturnier ins Leben, das er bis vor drei Jahren ununterbrochen leitete und dann in jüngere Hände übergab.

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