Donnerstag, 19. Oktober 2017, 06.20 Uhr

Das Niveau ist sehr gemischt

Mahmoud Dorah in seiner neuen und alten Wirkungsstätte. In der Saison 2003/2004 trainierte er in der Ruebisbachhalle die Männer des damaligen VC Kloten. Bild: Urs Weisskopf

Bericht von Peter Weiss im Zürcher Unterländer vom 19. Oktober 2017

Mahmoud Dorah, 13 Jahre nach dem Ende Ihrer Saison als ­Trainer des damaligen Männer-Erstligisten VC Kloten sind Sie wieder hier, in der Klotener Ruebisbach­halle. Hat sich in der Zwischenzeit vieles verändert?
Mahmoud Dorah: Hier drin hat sich gar nichts verändert. (lacht) Klar, der Boden ist neu und schön. Es ist eine sehr gute Halle, die wir nur leider mit vielen anderen Vereinen teilen müssen. Und das ist genau gleich wie damals. Die Trainingszeiten sind fix ge­regelt. Ich will mich auch nicht beklagen, nur: Es ist praktisch unmöglich, hier einmal ein Extratraining anzusetzen.

Wie unterscheidet sich Ihre ­heutige Mannschaft vom VC Kloten der Saison 2003/04?
Die damaligen Spieler waren tech­nisch nicht schlecht, aber es waren alles 1.-Liga-Spieler. Bei einem Teil der aktuellen Spieler merkt man dagegen klar, dass sie viel Erfahrung in der NLB und sogar in der NLA gesammelt haben. Das ist natürlich ein sehr viel höheres Niveau. Allein schon vom Tempo, aber auch vom Spielverständnis her. Da haben viele eine Ahnung vom Volleyball. Aber es gibt auch eine andere Gruppe, deren Niveau ähnlich ist wie das der ganzen Equipe vor 14 Jahren.

Mittlerweile haben Sie Ihr neues Team kennen gelernt. Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses im Juli hatten Sie die Mannschaft noch nie als Ganzes gesehen.
Ja, und das ist auch lange so geblieben. Wir haben erst nach dem Ende der Beachvolleyball-Saison Anfang September mit der Vorbereitung in der Halle begonnen. Davor hatte ich mit einigen Spielern per Mail Kontakt, andere ­habe ich persönlich zu Gesprächen getroffen.

Wie lauten Ihre Erkenntnisse aus den ersten Wochen?
Wir müssen wirklich hart arbeiten und regelmässig ins Training kommen. (lacht) Die Spieler haben vorher sicher auch gut trainiert. Aber ich habe gemerkt, dass sie ein weniger intensives Training gewöhnt waren, einzelne Übungen vielleicht weniger häufig ausgeführt haben, oder etwas langsamer. Das Tempo war zum Teil etwas zu schnell für sie. Aber sie gewöhnen sich daran, es geht erstaunlich schnell. Und das ist auch gut so. Denn im Volleyball geht es ja darum, unter Druck und mit wenig Zeit gut zu reagieren.

Für wie stark schätzen Sie Ihr Team nun ein?
Das Niveau ist sehr gemischt. Wir haben drei Gruppen: erstens die NLA-erfahrenen Spieler wie ­Fabian Bigger und Fabian Perler, David Schlatter, Remo Spahr, ­Raphael Licka, Marco Back und ­Felix Ernesto Navarro Alderete. Zweitens eine mittlere Gruppe mit gestandenen Spielern, die von tieferklassigen Vereinen nach Züri Unterlands Rückzug aus der NLA zu uns gekommen sind. Und drittens die jungen Einsteiger aus dem Nachwuchs.

Das klingt nach einer ­komplizierten Aufgabe.
Ja, aber daran bin ich gewöhnt. Das ist nichts Aussergewöhn­liches – es gibt wohl keine Volleyball-Mannschaft, in der alle 12 bis 15 Spieler gleich alt sind. Vielmehr sollte es immer so sein, dass jedes Jahr zwei bis drei Junge von unten nachkommen, langsam mehr und mehr Einsatzzeit bekommen und nach einer Weile den Sprung schaffen. Allerdings wäre es dafür wünschenswert, mehr Hallenzeit zu haben, um mit den Jungen gezielter zu arbeiten. Immerhin aber habe ich auch das U23-Team übernommen, sodass ich pro Woche ein Training mehr mit ihnen habe.

An Ihren bisherigen Trainerstationen haben Sie oft junge Spieler ausgebildet und sich dar­um ursprünglich für den Posten als Trainer der zweiten Mannschaft Züri Unterlands beworben. Nun aber haben Sie auch die ­erwähnten, gestandenen Kräfte im Team. Was reizt Sie daran?
Mit jungen Spielern zu arbeiten, ist sicherlich am schönsten, weil man ihre Fortschritte klar sehen kann. Mit fertig ausgebildeten Spielern ist das etwas anders. In der Arbeit mit ihnen geht es zuerst einmal darum, miteinander zurechtzukommen, eine gute Beziehung aufzubauen. Technisch geht es bei ihnen mehr um Kleinigkeiten, die sie noch verbessern können. Oder um neue Aufgaben, die sie übernehmen können – und sei es nur, damit sie wieder mehr Spass am Training finden.

Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenstellung des Kaders? Noch in der Sommerpause sind hinter einigen Spielern ja noch grosse Fragezeichen gestanden.
Die stehen da auch heute noch, vor allem im Aussenangriff. Unsere Aussenangreifer haben es bis jetzt noch nicht geschafft, regelmässig jede Woche zweimal ins Training zu kommen. Aus­serdem kann uns Raphael Licka höchstens bis Anfang Dezember unterstützen, danach bricht er zu einem mehrmonatigen Bra­silien-Aufenthalt auf. Der spanisch-marokkanische Doppelbürger Chakur Khalid hat sich uns angeschlossen und könnte helfen, Raphael zu ersetzen, wenn er seinen Trainings­rück­stand aufgeholt hat. Er sucht aber noch eine Arbeitsstelle.

Wie wichtig ist diese Position?
Es ist mit die schwierigste, weil die Aussenangreifer in der Aufschlagannahme und im Angriff stark gefordert sind. Sie gelten ­dar­um innerhalb einer Volleyballmannschaft als die Arbeitspferde. Wenn sie in der Annahme stabil sind und dazu einer von ­ih­nen sehr stark angreift, kann das ein Team schon sehr weit bringen.

Wie lautet unter all diesen erschwe­renden Umständen denn Ihr sportliches Saisonziel?
Ich sehe zwei Ziele, die aber eng miteinander zusammenhängen: Erstens, als Dritter oder Vierter der Qualifikation in die Final­runde der besten acht Teams aus bei­den NLB-Gruppen einzuziehen. Ich schätze, dass der Aufsteiger Kreuzlingen und Voléro Zürich etwas stärker sind als der Rest der Ostgruppe, hinter ihnen aber vieles offen ist. Wenn wir das schaffen, können wir auch das zweite Ziel besser verfolgen: eine neue Gruppe herauszubilden, mit genügend Einsatzzeiten und Spielpraxis für die Jungen. Sie auch dadurch an das NLB-Niveau heranzuführen, geht natürlich besser, wenn wir nicht gegen den Abstieg kämpfen müssen.

Mit welcher Art Volleyball soll Ihre Mannschaft zum Erfolg kommen?
Mein Ideal ist das schnelle Spiel mit hohem Rhythmus und vielen Kombinationen. Wie weit man das umsetzen kann, hängt aber von der Qualität der Spieler ab.

Sie waren als Volleyball-Trainer in vier verschiedenen Ländern tätig, am häufigsten aber inder Schweiz und in Ihrer Heimat Ägypten. Worin unterscheiden sich die Volleyball-Kulturen ­beider Länder?
In Ägypten ist der Stellenwert des Volleyballs viel höher, die Nationalmannschaft kämpft stets mit Tunesien um die Vorherrschaft in Afrika, spielt regelmässig an Weltmeisterschaften mit und liegt momentan an Platz 16 der Weltrangliste. Viele gute Spieler sind Profis und können von ihrem Sport leben, genauso wie ein ägyptischer Fuss-, Hand- oder Basketballer. Wenn einer dennoch nebenher arbeitet oder studiert, bekommt er immer frei für das Training und die Meisterschaftsspiele. Und wenn ein Verein eine Halle hat, kann er darin trainieren, wann immer er will.

Ein Volleyball-Paradies.
Nicht ganz, denn es gibt auch Schwierigkeiten, vor allem in Sachen­ Material. Es kann gut sein, dass man zum Beispiel keine Schwe­den­kästen für eine Sprungübung zur Verfügung hat oder man lange auf neue Bälle warten muss. Da muss man oft improvisieren. Das Material ist in der Schweiz dagegen nie ein Problem. Dafür haben wir hierzu­lande seit ein paar Jahren zu wenige Nach­wuchs-Volley­baller, weil viele Jugend­liche lieber Fuss­ball oder Unihockey spielen. Und viele erwachsene Top-Spieler können selbst auf NLB- Niveau nur ­zweimal pro Woche trainieren, weil ihnen neben ­Beruf oder Studium nicht mehr Zeit bleibt. Das wäre in Ägypten undenkbar.

Zur Person
Mahmoud Dorah kam am 13. April 1957 in Kairo zur Welt. Zehn Jahre später schloss er sich dem Zamalek Club Kairo an. 1973 debütierte er in der ersten Mannschaft des Vereins in der höchsten ägyptischen Liga und ein Jahr später bereits in der Natio­nalmannschaft. Der Mittelblocker und Aussenangreifer stand im Team, das 1978 den Afrika-Cup gewann und an der WM in Rom auf Platz 16 landete. Die Olympischen Sommerspiele 1980 beendeten die Ägypter auf Rang 12 – obwohl Dorah und Co. gar nicht nach Moskau abflogen. «Wir haben zwei Tage und Nächte am Flughafen gewartet, bis uns der Verbandspräsident mitgeteilt hat, dass wir wegen des Boykotts nicht teilnehmen werden», erinnert sich Dorah, «eine ­Riesenenttäuschung.»

1984 bereits begann seine Trainerkarriere, zunächst als Spielertrainer, nach einer Saison nur noch als Coach von Sharjah, ein Jahr später von El Sahaab in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nach je einer Saison als Trainer seines Stammklubs Zamalek Kairo, der Junioren- und der Elite-Nationalmannschaft Ägyptens kam Mahmoud Dorah ein erstes Mal in die Schweiz. Im Männer-Spitzenklub Näfels trainierte er später die zweite Mannschaft und den Nachwuchs und als Assistenztrainer und Ende Saison 2009 als Coach das NLA-Spitzenteam. Im Kanton Glarus lernte er auch seine Ehefrau kennen, mit der er als Vater zweier inzwischen erwachsener Kinder (Reem, 23, und Sherif, 21) heute noch lebt. Neben verschiedenen Engagements, die ihn zweimal zurück nach Kairo zu Zamalek führten, zum Nachwuchs des deutschen Serienmeisters VfB Friedrichshafen, nach Kloten und zurück nach Näfels, ist Mahmoud Dorah seit 1992 auch neben­beruflich als Arabischlehrer und Übersetzer tätig.

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