Montag, 01. April 2019, 11.25 Uhr

Unterländer verdienen sich Respekt

Fabian Perler wurde zum MVP bei den Unterländern gewählt. Unterstützt wurden er und das Team von den über 200 angereisten ZuZu-Fans im Hintergrund. Bild: Dominic Staub

Bericht von Peter Weiss im Zürcher Unterländer vom Montag, 1. April 2019

Für einen Moment lang sah es tatsächlich so aus, als könnte Züri Unterland, das sich als erstes NLB-Team seit 1991 für den Schweizer Cupfinal der Männer qualifiziert hatte, für die ganz grosse Sensation sorgen. Denn im zweiten Satz hatten die Unterländer, die ihren Sport mit dem Trainingsumfang ambitionierter Amateure betreiben, mit dem haushohen Favoriten Amriswil mehr als nur mitgehalten. Vielmehr hatten sie die immens wuchtig geschlagenen Sprungaufschläge der Profis aus dem Thurgau immer besser in den Griff bekommen, sie mit dem eigenen Service unter Druck gesetzt, beherzt um jeden Ball gekämpft, im Angriff regelmässig clever gepunktet – und auch dann kühlen Kopf bewahrt, als ihr Vorsprung geschmolzen war und die Favoriten beim Stand von 18:18 ausglichen. Im Finish bis zum Satzende waren es nicht etwa sie, die mehr Fehler begingen, sondern ihre hochkarätigen Widersacher. So ging der zweite Satz mit 25:21 zur allgemeinen Überraschung der 2400 Zuschauerinnen und Zuschauer in der schmucken Freiburger Sporthalle St-Léonard an die Unterländer.

Angesichts des klar verlorenen ersten Durchgangs, zu dessen Beginn die Unterklassigen sichtlich mit ihren Nerven zu kämpfen und der Amriswiler Wucht nur wenig entgegenzusetzen hatten, erschien der Satzausgleich für sich genommen schon wie ein mittleres Wunder. Die Stimmung bei den rund 200 mitgereisten Züri-Unterland-Fans, die, in rote T-Shirts mit der Aufschrift «Cupsieger» (auf der Vorderseite) «der Herzen» (auf dem Rücken) gekleidet, ihr Team frenetisch anfeuerten, erreichte mit dem verwerteten Satzball ihren Siedepunkt. Sollte ihr Team nach dem NLA-Schlusslicht Jona und dem Vorletzten Uni Bern nun auch den dritten Gegner aus der höchsten Schweizer Liga bodigen, den Cup-Titelhalter und NLA-Qualifikationssieger Volley Amriswil? Doch die Unterländer Hoffnung währte nur kurz.

Feiernde Final-Verlierer

Denn nach dem Seitenwechsel verschärften die Amriswiler das Tempo wieder, enteilten den Unterländern früh und bauten dann ihren Vorsprung kontinuierlich bis zum 25:15 aus. Im vierten Satz schliesslich erwischte Züri Unterland den besseren Start. Doch schon nach dem 3:3 mussten sie die Thurgauer erneut davonziehen lassen. Nach 78 Minuten Netto-Spielzeit und zwei abgewehrten Matchbällen fiel die Entscheidung: Mit 25:17 ging der letzte Satz und damit der Cup zum dritten Mal in Folge an Amriswil. Die individuelle Klasse der Thurgauer, deren Passeur Josh Howatson seine Angreifer zudem geschickt einsetzte, gab den Ausschlag zu ihren Gunsten.

Dennoch durften die Unter- länder zu Recht stolz sein: Sie gaben sich zu keiner Phase geschlagen, munterten einander auf und behielten stets eine positive Körpersprache und -spannung. Ihre Fans, die ihre Lieblinge bis zum Schluss stimmgewaltig unterstützten, entschieden das schied- lich-friedliche Akustikduell mit den ganz in Blau gekleideten Amriswiler Anhängern, die direkt neben ihnen auf der Tribüne sassen, ohnehin für sich. Und so wich die erste Enttäuschung über die Niederlage schnell aus den Gesichtern der Unterland-Spieler. Die Cupfinal-Verlierer verwandelten sich so innert Kürze in wahre Cupsieger. Bei der Medaillenübergabe spendeten ihnen auch die Amriswiler Anhänger warmen Applaus, während ihr Mittelblocker Thomas Brändli und ihr Trainer Marco Klok von einer hervorragenden Leistung der Unterländer sprachen.

Einer von 49 Tagen

«Als klarer Underdog haben wir überraschend gut mitgehalten», kommentierte Züri Unterlands Captain Manuel Gahr, der im Diagonalangriff mit stupender Effizienz zum Topskorer seines Teams avancierte. «Vor dieser super Kulisse hier im Cupfinal zu stehen und gegen Amriswil zu spielen, war das Highlight meiner Karriere.» Dass er und seine Mitspieler trotz des ungewohnten Rahmens die Nerven bewahrten und ihre Chance zum Satzausgleich eiskalt ausnützten, hatte aus seiner Sicht zwei Gründe: «Erstens sind die meisten von uns recht erfahren, auch in der Meisterschaft haben wir darum in dieser Saison die knappen Sätze oft gewonnen. Ausserdem haben wir gewusst, dass wir unsere Chance zum Satzgewinn bekommen würden, wenn wir geduldig bleiben und unser Bestes geben.»

Doch warum reichte es nicht zu mehr? «Im dritten Satz hat die Service-Annahme der Amriswiler wieder besser funktioniert», meinte Gahr, «und wenn sie die Pässe perfekt vorne am Netz zugespielt bekommen, dann rappelt es einfach.» Er fügte an: «Auf jeder Position sind die einzelnen Spieler besser als jeder Einzelne von uns; wenn es bei ihnen normal läuft, spielen sie zu schnell, zu hoch und zu hart für uns.»

Züri Unterlands Trainer Lucian Jachowicz sah es ähnlich wie sein Captain. «Was sollen wir da machen, wenn Amriswil so konstant in guter Form spielt wie heute?», fragte er rhetorisch. «Wir können stolz darauf sein, unseren Teil zum grossen Volleyball-Fest hier beigetragen zu haben. Wir haben so gut gespielt, dass wir die Amriswiler zum Nachdenken gebracht haben und ihr Trainer Marco Klok seine Stammsechs bis auf ein paar taktische Wechsel hat durchspielen lassen. Das alleine zeigt, wie ernst sie uns genommen haben», meinte Jachowicz. «Mehr war leider nicht möglich.» Insgeheim hatte er freilich gehofft, dass der Favorit weniger stabil auftrete, was im Laufe der NLA-Saison auch ein paar mal der Fall gewesen war. «Aber heute war einer der 49 Tage, an denen wir verlieren, wenn wir 50-mal gegeneinander antreten, und nicht jener eine Tag, an dem wir sie schlagen können.» 

Auch das Schweizer Fernsehen hat unsere Herren einen ganzen Tag begleitet. Den Bericht im Sportpanorama auf SRF2 (ab Minute 40) findest Du hier: https://www.srf.ch/play/tv/sportpanorama/video/sportpanorama-vom-31-03-2019?id=b4534306-2ae2-4f46-8924-ee9b4a7526c9&startTime=2411

Protokoll:
Züri Unterland - Amriswil 1:3 (12:25, 25:21, 15:25, 17:25). St-Léonard, Freiburg. – 2412 Zuschauer. – SR Schürmann/ Hefti. – Spieldauer: 78 (17, 21, 19, 21) Minuten. – Züri Unterland: Perler (Passeur), Michael Brander (8 Punkte), Schlatter (4), Gahr (13), Fabian Brander (11), Bigger (6), Back (Libero); Wachter, Hinrichs. – Amriswil: Howatson (Passeur/4 Punkte), Djokic (8), Brändli (7), Zass (22), Gommans (14), Kamnik (14), Daniel (Libero); Fort (1), Weber (1), Schnegg, Ljubicic (2), Weisigk. – Bemerkungen: Züri Unterland ohne Navarro Alderete (verletzt) sowie ohne Häring und Sommer, Amriswil ohne Lengweiler und Müller (alle nicht eingesetzt).

Sponsoren